Ready, set, go.
Die Reaktionen unsrer grandiosen Politiker auf das Interview mit dem türkischen Botschafter in der Presse (link: Presseinterview mit Tezcan) gestalten sich wie immer rhetorisch brilliant. Da wird tief in die Trickkiste der geschliffenen Formulierungen gegriffen und man spricht plötzlich von "unglaublichen Entgleisungen", das alles sei "inakzeptabel und unprofessionell" und die Innenministerin sieht sogar "unwürdiges Verhalten". Und warum eigentlich?
Weil der Mann nicht als Diplomat gesprochen hat, sondern als Mensch.
Die Reaktionen in diversen Foren und Blogs sind eindeutig. Österreich ist beleidigt. Ein Türke behauptet, wir würden die ethnische Minderheiten in Ghettos zusammenpferchen, sodass sie dort zu ethnischen Mehrheiten werden. Da werden ungute Erinnerungen wach.
Weiters stellt er fest, dass es dort wo es Nacktbadeerlaubnis gibt, auch Kopftucherlaubsnis geben sollte und treibt uns die Schamesröte ins Gesicht, wenn wir an unsere Großmütter denken und ihre Kopftücher.
Er meint, der Österreicher interessiere sich für fremde Kulturen nur im Ausland und österreichische Politiker gingen nur auf Stimmenfang zu türkischen Festen.
Na was ist denn falsch an diesen Aussagen? Was hat dieser Mann gesagt, als die Wahrheit, was uns so überschäumen lässt?
Der kleine Österreicher ist nicht tolerant, das will er auch gar nicht sein. Er sieht im Türken, Kurden, Bosnier, Kroaten, Iraner, Iraker, etc. eine echte und greifbare Bedrohung. Dieser schränkt ihn in seinem Lebensraum ein. Er darf nicht sagen, was er denkt. Eigentlich dürfte er nichteinmal denken, was er denkt. Die nehmen ihm da seine Gemeindewohnungen weg (das allerdings hat die FPÖ mitbeschlossen), die kassieren sein Geld aus dem Topf für Soziales, lungern in seinen Lokalen herum, sprechen nicht seine Sprache und sehen dazu noch anders aus. Damit will er nichts zu tun haben, es ist ihm fremd.
In dem Maße, als sich Weltverbesserer wünschen, dass alle von fremden Kulturen profitieren, lehnt der durchschnittliche Österreicher Kultur überhaupt ab. Es bedeutet ihm nichts.
Frau Winter sagt: "[...] der Islam gehört dorthin zurückgeworfen, wo er hergekommen ist, nämlich jenseits des Mittelmeers." Und der kleine Österreicher klatscht. Und kann es ihm jemand verdenken?
Die geforderte Toleranz der Linken scheitert am kulturellen Desinteresse des kleinen Mannes. Der will arbeiten und Geld verdienen, das zu mehr reicht, als seine Arbeitskraft vom 1. des Monats bis zum nächsten 1. zu erhalten. Er will jedes Jahr wenigstens einmal auf Urlaub fahren. Er möchte irgendwann eine Pension beziehen. Und das alles geht schön langsam aber sicher in Österreich vor die Hunde - obwohl es uns so gut geht. Und wer hat Schuld daran? Der kleine Österreicher weiß: er nicht.
In Österreich schwingt immer - ganz leise und im Hintergrund - die Ausländerfeindlichkeit mit. Darf man dem Österreicher deswegen böse sein? Es ist ein Bildungsproblem.
Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Darf man den Ausländern die Schuld geben? Auch da ist die Bildung das Problem.
Ich würde jedem österreichischen Politiker von Amts wegen verordnen: Stellen Sie sich in die Lokale der Arbeiterviertel, besuchen Sie Hauptschulen, Freibäder, reden Sie mit Türken und Österreichern am Würstelstand, im Kebapladen oder beim Billa. Sehen Sie sich das an, fernab der feinen Gesellschaft in den Szenelokalen und Gourmet-Wirtshäusern, der Society-Events und des Opernballs. Sehen Sie sich das an und beurteilen Sie die Lage. Aber nicht als Politiker, Diplomaten oder Spitzenbeamte, sondern als Menschen.
Der große türkische Diplomat hat genauso Recht wie der kleine österreichische Hackler. Beide bewerten die Dinge so, wie sie sind und nicht vor dem Hintergrund der Wählerstimmen oder Sympathien.